Die Landschaft der Kurznachrichtendienste in Deutschland ist im Umbruch – doch jenseits von gefühlten Trends fehlte es bisher oft an verlässlichen Zahlen. Auf der diesjährigen re:publica26 hat die netzbegrünung im Rahmen eines Vortrags datenbasierte Einblicke in den Microblogging-Wandel in Deutschland gegeben. Anhand umfassender Recherchen und eigener Datenerhebungen von Millionen Posts konnten konkrete Daten für Deutschland in Bezug auf diverse Aktivitätsmetriken präsentiert werden und damit neue Einblicke in die tatsächliche Nutzung von X, Mastodon und Bluesky im deutschen Raum gegeben werden.
Dabei wurde erstmals eine Übersicht präsentiert, die für Mastodon und Bluesky die Follwer:innenzahlen der größten deutschen Accounts und das Follower:innenwachstum detailliert vergleicht.
| Rang | Account | Follower:innen | Vergleich 19.05.26 zu 16.12.25 |
|---|---|---|---|
| 1 | Jan Böhmermann | 213 k | + 5000 |
| 2 | Der Postillon | 153 k | + 14.000 |
| 3 | Volksverpetzer | 132 k | + 9000 |
| 4 | Ralph Ruthe | 102 k | + 8000 |
| 5 | El Hotzo | 102 k | inaktiv |
| 6 | Tagesschau | 91 k | + 15.000 |
| 7 | ZDF Magazin | 89 k | + 2000 |
| 8 | taz | 89 k | + 11.000 |
| 9 | Heise online | 84 k | + 7000 |
| 10 | Marina Weisband | 79 k | + 3000 |
Nicht aufgeführt ist Eugen Rochko, Gründer von Mastodon (380k Follower). Außerdem fehlen durch die Filterung nach ‚Mastodon‘ die im Fediverse sichtbaren Flipboard Accounts DER SPIEGEL (122k) und DIE ZEIT (101k)
| Rang | Account | Follower:innen | Vergleich 19.05.26 zu 16.12.25 |
|---|---|---|---|
| 1 | Volksverpetzer | 128 k | + 3000 |
| 2 | Jan Böhmermann | 112 k | + 4000 |
| 3 | Robert Habeck | 87 k | inaktiv |
| 4 | Der Postillon | 84 k | + 3000 |
| 5 | Marina Weisband | 76 k | + 3000 |
| 6 | DER SPIEGEL | 74 k | + 3000 |
| 7 | Carlo Masala | 73 k | + 1000 |
| 8 | Annalena Baerbock | 68 k | inaktiv |
| 9 | taz | 60 k | + 3000 |
| 10 | ruthe | 59 k | + 2000 |
Nicht aufgeführt ist Annika Brockschmidt, die den Account auch englischsprachig betreibt (76k Follower). Außerdem fehlen durch die Filterung nach ‚Deutschland‘ die österreichischen Accounts von Armin Wolf (70k) und Natascha Strobl (69k) die deutschsprachig sind.
Ein Kernstück der Untersuchung ist die aktualisierte Hashtag-Analyse, die datenbasierte Vergleiche der Jahre 2024, 2025 und Anfang 2026 zulässt. Die Auswertungen bestätigen einen massiven Einbruch der Postings bei X (ehemals Twitter). Das aktive Posting-Verhalten ist zwischen Q3 2025 und April 2026 um etwa 25% zurückgegangen. Bemerkenswert ist, dass dieser Rückgang über alle Aktivitätsstufen hinweg – also bei Hashtags mit hoher, mittlerer und geringer Reichweite – gleichmäßig verläuft.
Dieser Rückgang der Posting-Aktivität verhält sich analog zum sinkenden reinen Inhaltekonsum auf der Plattform in Deutschland. Ein Blick in die offiziellen EU-DSA-Reports (Digital Services Act) von X macht dies überdeutlich: Zwischen dem Frühjahr 2025 und dem zweiten Halbjahr 2025 (dem ersten offiziellen Wert nach der Bundestagswahl) fand ein Einbruch um ein Drittel statt. Die Zahl der dort ausgewiesenen monatlich aktiven Empfänger:innen (Active Monthly Recipients) sank von 15,6 Millionen auf nur noch 9,5 Millionen.
Oft wird in Debatten ein massiver Hype um das Netzwerk Bluesky suggeriert. Unsere Daten zeichnen jedoch ein sehr nüchternes Bild: Ein signifikanter Bluesky-Hype ist bei den aktuellen Zahlen weder global noch in Deutschland sichtbar. Weder im zweiten Halbjahr 2025 noch in den ersten Monaten des Jahres 2026 gab es ein signifikantes Wachstum bei Follower:innen oder Hashtag-Posts.
Mastodon zeigt sich hingegen als Outperformer in Deutschland und liegt bei den Hashtag-Posts in Deutschland klar vor Bluesky. Dieses Wachstum ist darüber hinaus an verschiedenen Stellen konkret sichtbar, beispielsweise bei Accounts mit starkem Follower:innenzuwachs wie der Tagesschau, dem Postillon, der taz oder auch bei Marc-Uwe Kling, der in fünf Monaten auf der Instanz cultur.social knapp 20.000 neue Follower:innen gewann.
Wie lebendig das Netzwerk lokal ist, zeigt sich in unserer Hashtag-Analyse. Ein prägnantes Beispiel ist die Stadt Mainz: Der Shitstorm über das zunächst angekündigte (und später zurückgenommene) Verlassen von Mastodon durch die Stadt sowie der parallele Start der neuen Instanz mainz.social sind in den Daten deutlich ablesbar. Die Anzahl der Posts unter dem Hashtag der Stadt erhöhte sich um den Faktor 5 und die Aktivität ist seitdem auf dieser neuen Größenordnung geblieben.
Aus den gesammelten Daten ergibt sich für die täglich postenden Accounts (daily unique posters) in Deutschland im Frühjahr 2026 folgende Schätzung:
User:innen auf Mastodon und Bluesky haben die Möglichkeit, ihre Accounts über eine Brücke mit dem jeweils anderen Netzwerk zu verbinden. Ein interessantes Detail der Auswertung ist, dass der Dienst „brid.gy“ (bridgy fed) in Deutschland signifikant mehr Hashtag-Posts von Mastodon zu Bluesky spiegelt als in die Gegenrichtung.
Die Annahme, X sei weiterhin unangefochtener Marktführer bei den Kurznachrichtendiensten in Deutschland, ist überholt. Einen messbaren Bluesky-Hype gibt es in den aktuellen Zahlen weder global noch in Bezug auf Deutschland. Mastodon ist stattdessen der klare Outperformer in Deutschland. Das Ergebnis unterstreicht die Notwendigkeit länderspezifischer Analysen: Globale Trends lassen sich nicht eins zu eins auf den deutschen Raum übertragen.
Das Vortrags-Wrap Up mit Quellen der Recherche findet sich hier.